Texte (1)
Walter Methlagl:
"Textverlust" und die Blüten der Phantasie
Im Keller jenes Hauses, in dem der einstige Freund und Herausgeber Georg Trakls, Karl Röck, zuletzt gewohnt hatte, stand ein großer, viereckiger Korb, nein, die Ruine eines Korbes, schief abgesunken, nur noch halb so hoch wie damals, als man ihn mit seinem letzten Inhalt angefüüllt hatte: mit Briefen, Manuskripten, darunter Teile jenes Tagebuchs, das heute als einzigartige Quelle zur Biographie Trakls und zur Kulturgeschichte Tirols weitum geschätzt wird. Bei mehreren Überschwemmungen hatte der reißende Bergstrom Inn die untere Hälfte des Korbes samt Inhalt zu Erde gemacht. Darin konnte man Blumen setzen, zu lesen gab es nichts mehr, und in bangen Nächten grübelt der einsame Geist, was da an Lesbarem zu Erde geworden ist.

Wo das Papier in Humus überging, hatten einige Bogen des Tagebuchs stellenweise eine halbvermoderte Konsistenz angenommen gleich der eines verlassenen Wespennests: auf dem grauen, starr-verbogenen Untergrund war die Maschinschrift mit den täglichen Eintragungen gerade noch zu lesen; aber bei der sachtesten Erschütterung zerfiel das Material auf Nimmerwiederlesen zu Staub.

Mit angehaltenem Atem trug man die kleinen Stöße zur nächsten Schreibmaschine und begann zu tippen, was noch zu tippen war. Was beim Versuch, umzublättern, zerfiel, ist in heutigen Editionen mit drei Punkten in eckiger Klammer markiert: "Textverlust im Original!"

Schauder überläuft einen: Wieviel an schriftlicher Überlieferung ist in Jahrtausenden nicht auf uns gekommen, Kostbareres vielleicht als alles, was wir kennen: Vergil, Shakespeare… - Schwindelerregend der Blick in den Abgrund: Alles mühsam zusammengelesene Weltwissen ein Torso, ein Fetzenbündel, uns Menschen von blind waltenden Energien zugetrieben oder vorenthalten. - Aber liegt nicht eben an der Grenze, wo Gesprochenes verstummt und Geschriebenes abreißt, der Ort, von dem aus das Denken immer wieder zu neuen Horizonten aufbricht, und liefert nicht als das unwiederbringlich Verlorene jenen modrigen Untergrund, aus dem in imaginären Archiven die Phantasie ihre schönsten Blüten treibt?

(Copyright Walter Methlagl)

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