Texte (3)
Annette Steinsiek:
Weiße Schwäne und schwarze Schafe.
Von Quantitäten und Qualitäten.
Am Beispiel des Kommentierten Gesamtbriefwechsels Christine Lavants

(Vortrag, Science Week 2002, Innsbruck)
Jede Beschäftigung sucht ihre Begründung in der Nützlichkeit für das Universum, und jedenfalls ist der "Gesamtbriefwechsel" ein Schlüsselwerk zu den meisten Fragen dieser Welt. Im Ernst: die Briefausgabe bietet die Lektüre wunderbarer Texte einer außergewöhnlichen Person und Autorin - aber hier soll sie als wissenschaftliches Modell gezeigt werden, weil sie auf den gleichen Methoden von Zusammenführung von Dokumenten beruht wie das Archiv selbst und ebenfalls auf Erkenntnis daraus hofft.

Ich behaupte: der Bereich im Kopf, in dem Gewohntes, einfach Übernommenes, zu schnell Vereinbartes, gern Genommenes sich tummeln, ist groß und zudem imperialistisch - er verdrängt die Zweifel, verdrängt die Frage, wie ich zu Wissen komme, wie ich dieses Wissen verwende, wie ich es kritisch überprüfe.

Die Weltsicht hängt auch von den Gegenständen ab, von denen man umgeben ist, mit denen man sich umgibt. Ich behaupte: Druckwerke befördern Meinungsbildung, -pflege, -mache - Autographen (also eigenhändig Geschriebenes) repräsentieren die Individualität.

Wie entsteht überhaupt Wissen? Eine gewisse, eine gewissenhafte Menge von Fakten bzw. Dokumenten muß zusammengefügt werden. Und immer entscheiden deren einzelne: Sie können das Zünglein an der Waage sein, d.h. sie können sich zusammenfügen und im statistischen Sinne eine Wahrscheinlichkeit bilden, oder sie können der Dorn am Luftballon sein, d.h. das neue Element, das bisher Angenommenes entkräftet. (Stellen Sie sich jetzt bitte ein Bild vor, auf dem Sie eine Menge weißer Schwäne sehen und darin ein armes schwarzes Schaf...) Es gilt Poppers Beispiel, daß ein schwarzer Schwan genüge, um zu beweisen, daß nicht alle Schwäne weiß sind - aber schwarz und weiß sind auch leicht unterscheidbar, leichter zu unterscheiden als Tonarten, Argumente, Mitteilungen... Poppers Prinzip der Falsifikation (also daß man genau genommen nur sagen kann, daß etwas nicht gilt) ist zwar wissenschaftstheoretisch unbedingt sinnvoll - aber es bleibt das Bedürfnis und doch wohl auch die Notwendigkeit, Zusammenhänge, Orientierungen, begehbare Wege im Chaos zu finden. Und das, ohne zu bewerten - ohne den schwarzen Schwan zum schwarzen Schaf zu machen und zum Störenfried in der beschlossenen Ordnung der weißen Schwäne.

Doch wie kommt es überhaupt zu einer relevanten Materialmenge? Vielen Arbeiten muß die Sammlung der Dokumente vorausgehen, und am aufwendigsten ist dies naturgemäß bei Briefeditionen. Dieser Teil der Produktion einer Autorin, eines Autors ist in alle Welt verstreut und nur mühsam wieder zu vereinen. Liegen Briefe schon in Archiven, in aufgearbeiteten Nachlässen von AutorInnen, hat man es leichter. Heute haben die meisten, jedenfalls die besseren Literaturarchive genauere Verzeichnisse ihrer Bestände, lange war das Deutsche Literaturarchiv in Marbach das Vorbild, hier erarbeitete Ingrid Kussmaul mit einem Verzeichnis der Nachlässe und Sammlungen ein unschätzbares Instrument für die Forschung. So tragen Archive mit ihren Nachlässen, ihren Sammlungen und ihren Beständen sowie deren Verzeichnung zur Erfaßbarkeit und Erkenntnis kultureller Zusammenhänge bei.
Auch beim Gesamtbriefwechsel gilt: mit der Zusammenführung wird sichtbar, wie die einzelnen Dokumente oder Fakten daraus verstärkend oder relativierend in Beziehung stehen. So lesen sich Christine Lavants Äußerungen über ihre Erzählung "Baruscha", erschienen 1952, so, daß man sie wohl für den von ihr am meisten geliebten Text halten darf und für den Text, in dem sie sich besonders wiederfindet. Aber es lassen sich eben auch manche der sehr absolut klingenden Äußerungen als Ausdruck einer situativen Verfassung relativieren, z.B. schreibt sie in einem Brief, daß das Schreiben für sie nur eine Perpetuierung des Leidens sei, in einem anderen jedoch beschreibt sie es als Ausweg daraus. Verstreute einzelne Äußerungen zu ihren Texten oder ihrem Schreiben fügen sich so zu einem erst im Ganzen verständlichen Bild; sie selbst hat nie eine Poetologie, also theoretische Texte über das Schreiben, verfaßt.
Erst mit einer gewissen Menge Briefe werden rhetorische Muster des Schreibens überhaupt erst erkennbar.
Auch erst in der Zusammenschau wird der Bezug auf Adressatinnen oder Adressaten deutlich und relativiert die Aussage. Zur Verdeutlichung sei hier nur das klassische Beispiel erwähnt: Am selben Tag schreibt ein Autor, eine Autorin an seine/ihre Mutter, sie möge sich bitte nicht zu sehr (be)kümmern, es ginge schon wieder viel besser, und an den Verleger oder die Verlegerin, es ginge ja so schlecht, er/sie brauche dringend einen Vorschuß...

Uns allen dreht die Objektivität eine Nase. Auch ein Archiv ist von Auswahlstrukturen betroffen: es muß auswählen, was es sammelt, innerhalb der Nachlässe gibt es ungewollte oder beabsichtigte Lücken (man kann - ich gebe zu: grob - unterscheiden zwischen "Schlaganfallnachlässen" - wenn der Tod die Personen überrascht und sie ihren Nachlaß nicht mehr gestalten können - und "Planungsnachlässen", die von den Autorinnen und Autoren selbst oder ihren Nachkommen schon ausgewählt an Archive gegeben werden). Aber auch hier gilt: jeder Nachlaß ist anders - und erinnert daran, daß das Individuelle zu berücksichtigen ist. Die Dokumente und Quellen sagen nicht die Wahrheit. Aber - das behaupte ich - ob für die Information Auswahl und Betonung Regie führen (wie in Politik und schlechter Wissenschaft) oder ob man Quellen bewahrt, zusammenführt, kritisch zueinander in Beziehung setzt, lückenlos und kritisch ediert, die Aussage in diesem Werden begleitet, macht einen großen Unterschied.

Das Archiv trägt seinen Teil an Aufklärung (während der Französischen Revolution wurde ein Gesetz erlassen, das im Grundsatz jedem "Bürger" den freien Zugang zu den staatlichen Archiven ermöglichen sollte), die Verwaltung der Erinnerungsfähigkeit wird so eine demokratische Kontrollinstanz. Nun werden Sie sagen: das mag für Staatsarchive gelten, für politische Archive. Verbleiben Literaturarchive mit ihrem Material nicht in ästhetischen Kategorien? Zunächst: in den Nachlässen von Autorinnen und Autoren findet sich Material, das sehr wohl politische Hintergründe aufzeigt (AutorInnen waren immer ein Lieblingsobjekt autoritärer Strukturen). Dann: vielleicht gerade AutorInnen und deren Nachlässe fordern dazu heraus, die Grenzen zwischen Fiktion und dem zu bestimmen, was es dann doch nicht gibt - der Wirklichkeit (wir denken etwa an Stephan Hermlin: seine von ihm in Erzählungen und Romanen vermittelten Verweise auf sein Leben - "autobiographisch" nennt man das gefährlich - entsprachen nicht den Dokumenten dieses Lebens). Auch AutorInnen versuchen der Öffentlichkeit ein Bild von sich zu vermitteln, genau wie die Öffentlichkeit sich ein Bild der Person macht. Beide verfolgen dabei je eigene Absichten.
Wir sehen Christine Lavant, wie sie das Kopftuch genommen hat, aber auch die Öffentlichkeit, die ein Bild von ihr erwartet: sie soll der Gesellschaft die Person sein, die sie für ihren Figurenschlüssel braucht.

Ein Archiv bewahrt und verzeichnet Material, es hält es für die forschende oder ernsthaft interessierte Öffentlichkeit bereit und - sofern es ein Forschungsinstitut betreibt - findet an diesem Ort auch die grundsätzliche Übung statt, Dokumente in einen Kontext zu setzen, neue Fragen, neue Perspektiven zu entwerfen.
Jedenfalls kann es richtig Spaß machen, die Dinge bis zu den Quellen zurückzuverfolgen. Wisse Wege und Wesen des Wissens...

(Copyright Annette Steinsiek)

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