Texte (2)
Annette Steinsiek:
Versuch einer Identität ohne Kopftuch
Diese Photographie beabsichtigte nicht das Festhalten eines bestimmten Augenblickes oder einer bestimmten Situation, um sich zu einem späteren Zeitpunkt etwas wieder vor die Augen rufen zu können. Hier wird versucht, eine Person durch ihren Ausdruck zu erfassen. Ist nun die photographierende Person die Urheberin des Bildes, oder ist es die dargestellte? Es könnte immerhin sein, daß man Christine Lavant gebeten hat stillzustehen, ihr das Tuch umgeworfen, den Schmuck angelegt und Regieanweisungen zur Haltung der Hände, des Körpers usw. gegeben hat.

Erst jetzt, nachdem im Zuge der Erarbeitung einer Gesamtausgabe und Biographie manches Material zusammengekommen ist, weiß man, daß Christine Lavant selbst dieses Photo mehrfach, zu verschiedenen Zeiten und z.T. mit Widmungen versehen, verschickt hat. Sie hat dieses Bild von sich haben wollen. Sie wollte so dastehen, so aufrecht, klar, ernst, wie mit indianischem Gleichmut, vielleicht streng, schön.

Zu ihrem Markenzeichen ist das Kopftuch geworden. Ein Markenzeichen hat seine praktischen Vorteile, denn es erlaubt und fördert Wiedererkennung. Aber das Kopftuch ist eben auch als Requisite zu erwägen, zugehörig einem anderen Bild, das sie von sich in die Welt entließ.

Die naheliegenden Fragen an ein Photo: wann ist es entstanden, wer hat es gemacht, wo wurde es gemacht etc. dienen der Beschreibung und Ordnung. Der Frage nachzugehen, was auf einem Bild wirklich passiert, was jemand mit Photos von sich selbst verbindet, wo Inszenierungen beginnen, was sie bedeuten, heißt auch, der Spannung nachzugehen, die darin liegt, daß sich da jemand zugleich zeigt und doch wieder verbirgt.

(Copyright Annette Steinsiek)

... zu einer dichterischen Reaktion
auf dieses Bild Christine Lavants, von Hans-Jürgen Hilbig.
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